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Mittwoch, November 30, 2022

Baldur’s Gate + Baldur’s Gate II: Enhanced Edition – Test | Review

Höre ich mich in meinem Freundeskreis um und Frage die Zocker darunter nach den besten Rollenspielen der letzten Jahre, erhalte ich eine große Mischung diverser Ansichten. Beschränke ich die Auswahl auf die Zeit unserer Jugend, dann steht eines eigentlich immer ganz oben: Baldurs Gate. Insbesondere der zweite Teil wird hier häufig als das beste Rollenspiel aller Zeiten bezeichnet und hat auch für mich persönlich ein absolutes Highlight in meinem Zockerleben dargestellt. Am 21. Dezember 1998 wurde der erste Teil der Reihe vom Entwickler BioWare veröffentlicht und begann damit die Reanimation eines Genres, welches mancher schon für tot erklärte. Die gesamte Serie erhielt zwei sogenannte “Enhanced Editionen”, welche die betagte Grafik aufpolierten und den Klassiker in Teilen auch um neue Inhalte ergänzten. Außerdem folgten Ableger auf verschiedensten Konsolen und Tablets – darunter jetzt auch für die Nintendo Switch! Mit der Beamdog D&D Enhanced Edition Collectors Pack kommt neben Baldurs Gate auch Baldurs Gate 2 in den Enhanced Editionen, Planescape: Torment  und Icewind Dale auch in ihren Enchaned Editionen, sowie Neverwinter Nights auch in der Enhanced Edition. Im folgenden Test wollen wir aber schauen, ob Baldurs Gate I und Baldurs Gate II sich im Test durchsetzen können.

Wir beginnen natürlich zuerst mit dem Spiel, welches der Anfang der Erfolgsserie für BioWares Rollenspiel-Reihe war: Baldurs Gate. Der Titel basiert auf dem Regelwerk von “Advanced Dungeons & Dragons” (kurz AD&D), einem Rollenspielsystem, das damals eher für Pen & Paper Abenteuer bekannt war, welche im realen Leben mit mehreren Spielern erlebt werden konnten und auch heute noch beliebt ist. Dieses Regelwerk umfasst auch heute noch mehrere hundert Seiten an spezifischen Regeln, wie man zum Beispiel einen Magier erstellt, der mit seinen Zaubern seine Truppe unterstützt. Vor allem aber regelt es, was benötigt wird, damit diese Vorhaben auch gelingen können. Denn jede Aktion wird gewürfelt – auch im virtuellen Pendant zu Realität. Erst dann ergibt sich, ob sie erfolgreich ist oder auch nicht. Diesen gewagten Schritt, ein solches Regelwerk mit einem Computerspiel zu kombinieren hat BioWare erfolgreich umgesetzt – denn wenngleich jede Entscheidung einen solchen Würfelwurf auslöst, merkt man dies im Spiel selbst die meiste Zeit eigentlich gar nicht. Dies berechnet das Spiel alles während wir die Geschichte und die Abenteuer genießen.

Aber bevor wir uns in eben jene Abenteuer stürzen können, benötigen wir einen Charakter. Und bereits an dieser Stelle zeigt sich deutlich, dass Baldurs Gate kein einfaches Hack&Slay-Rollenspiel wie Diablo ist, sondern mehr Tiefe bieten kann. Zu Beginn wählen wir unser Geschlecht und die Rasse. Und schon hier greif eine der Stärken des Regelwerks – bereits die Wahl des Volkes kann diverse Vor- und Nachteile mit sich bringen. Je nachdem ob Mensch, Elf, Zwerg oder eine der anderen Rassen, erhält man hier unterschiedliche Völkerboni auf die Attribute und Fertigkeiten. So kann ein Elf wesentlich mehr Geschicklichkeit aufweisen, als dies zum Beispiel ein Halb-Ork kann. Und wenn das noch nicht ausreicht, der wählt bei den Rassen eben aus den diversen Untervölkern, welche die Werte weiterhin beeinflussen und spezielle Boni geben. Im Verlauf der Charaktererstellung werden dann noch die Attribute ausgewürfelt, die Klasse gewählt – und diese reicht vom einfachen Krieger, über den kampferprobten Mönch bis zum charismatischen Hexenmeister – und legt fest, welche Fertigkeiten der Held beherrscht und welcher Gesinnung er folgt. So ist auch der sadistische Bösewicht eine der Möglichkeiten, welche Baldurs Gate offen lässt. Wem das zu komplex und zuviel ist, der hat die Möglichkeit aus einer Palette aus vorgefertigten Charakteren auszuwählen, welche jeden Spielstil abdecken sollte.

Hat man diese bereits ausgiebige Charaktererstellung gemeistert, beginnt die Handlung. Hier bleibt Baldurs Gate zu Beginn noch ganz klassisch. Als Schützling des Magiers Gorion wächst man in der Festung Kerzenburg auf. Eines Tages teilt man uns mit, dass wir gemeinsam mit Gorion unsere sichere Heimat verlassen müssen, jedoch ohne weitere Details preis zu geben. Ganz klassisch kommt es zum Zwischenfall, bei denen Gorion getötet wird und wir mit knapper Not entkommen können. Im Anschluss folgt anfangs noch eine klassische Rollenspiel-Geschichte, welche während der Reise durch Faerun immer komplexer wird. Während dieser Reise können viele verschiedene Charaktere getroffen werden, von denen manche auch als Begleiter rekrutiert werden können. Doch auch hier sei darauf hingewiesen: Diese Charaktere folgen einer eigenen Gesinnung und handelt ihr zu sehr gegen diese, zögern eure Leute nicht, euch wieder zu verlassen oder im schlimmsten Falle sogar gegen euch zu wenden. Da man nicht festgelegt ist darin, ob man einzelne Charaktere auch wirklich mitnimmt, sollte die Wahl also ganz klassisch getroffen werden nach der eigenen Gesinnung. Insgesamt können fünf Begleiter das Team verstärken.
Doch sind diese Begleiter auch ein großer Teil der Tiefe von Baldurs Gate, denn sie erweitern die spannende Geschichte um den Tod des Ziehvaters neben klassischen Nebenaufgaben um die persönlichen Quests. Diese vielen kleinen Geschichten sind zudem Abwechslungsreich geschrieben. Nicht immer muss hierbei gekämpft werden – auch die Dialogfähigkeit ist gefragt.

Doch natürlich lässt sich Baldurs Gate nicht gänzlich ohne Kämpfe beenden und irgendwann ist man gezwungen, zu den Waffen zu greifen. Und hier lässt sich auf zwei Arten spielen – die Kämpfe können in Echtzeit ablaufen und die Gruppenmitglieder mit entsprechenden Befehlen zu versehen. Alternativ kann das Spiel jederzeit mit einem Klick auf die Plus-Taste der Switch pausiert werden. Dann erhält der Spieler die Möglichkeit, den Gruppenmitgliedern einzeln Anweisungen zu erteilen und man kann sich in Ruhe das Kampfgeschehen ansehen. In den Spieleinstellungen kann zudem eingestellt werden, dass unter bestimmten Bedinungen automatisch pausiert wird, zum Beispiel, wenn die Waffe eines Charakters unbrauchbar wird oder auch wenn der Kampf beginnt. So kann der Taktikfreund die Befehle erstmal erteilen und das Spiel berechnet im Hintergrund die Erfolgschancen und je nach Ergebnis kann es sein, dass der gewirkte Zauber sein Ziel trifft oder auch fehlschlägt. Ob etwas gelingt oder fehlschlägt hängt von vielen Faktoren ab – so zum Beispiel, wie viele Punkte in den einzelnen Fertigkeiten vergeben wurden oder wie hoch die Attribute sind. Das komplette System ist komplex, aber das meiste wird im Hintergrund durch die Technik erledigt.
In Baldurs Gate greifen also viele Mechaniken ineinander und so werden hinter der Oberfläche immer wieder Zahlen miteinander verglichen und berechnet. Leider ist diese große Stärke auch gleichzeitig die Schwäche, die der kompletten Reihe zugrunde liegt: Wer nicht so bewandert ist im AD&D-Regelwerk, wird nicht immer sofort nachvollziehen können, welche Werte ineinander greifen damit Aktionen auch gelingen können. Sicherlich lässt sich Baldurs Gate auch ohne Vorwissen spielen, denn das Spiel erklärt so manches, aber alle Mechaniken werden anfangs nicht schlüssig erscheinen.

Wem das dennoch alles zuviel ist, der hat in den Spieleinstellungen die Möglichkeit, den Schwierigkeitsgrad auf den Geschichtsmodus zu stellen. Damit wird sogar verhindert, dass man sterben kann und die Story kann gänzlich genossen werden. Daneben gibt es Aufsteigend Einfach, Normal, D&D-Regeln,Schwer und Wahnsinn. Letzterer Modus ist für ganz harte Veteranen, die das Spiel wirklich auf eine ganz besondere Art und Weise erleben möchten. Hier wird nichts vergeben.
Die Enhanced Edition von Baldur’s Gate enthält das Grundspiel inklusive des Add-Ons „Geschichten von der Schwertküste“ sowie die DLCs „The Black Pits“ – quasi ein Arena-Abenteuer mit Fokus aufs Kämpfen – und die nachträglich entwickelte Erweiterung „Siege of Dragonspear“, welche euch ein komplett neues Abenteuer präsentiert und nahtlos einen erzählerischen Bogen zu Baldur’s Gate II spannt.

Der zweite Teil der Reihe setzt direkt an die Ergeinisse des Vorgängers an. Dort muss man mit den Folgen zurechtkommen, die die Entdeckung aus dem ersten Teil mit sich bringt und gegen einen Feind antreten, der es auf euer Innerstes abgesehen hat. An dieser Stelle seien weitere Spoiler vermieden, denn nicht umsonst wird Baldurs Gate II, wie eingangs erwähnt, als eines der besten Rollenspiele aller Zeiten gewertet.

Zu Beginn der Reise erhält man die Möglichkeit, den alten Charakter aus dem ersten Teil zu importieren und damit das Abenteuer fortzusetzen. All die errungene Ausrüstung, Fertigkeiten und Zaubersprüche inklusive. Alternativ kann natürlich auch mit einem neuen Abenteurer begonnen werden, der im Vergleich zum ersten Teil allerdings gleich auf Stufe 8 einsteigt. Dadurch besteht natürlich auch die Möglichkeit, bereits von beginn an mehr Schaden auszuteilen und auch einzustecken. Zudem trifft man im Verlauf des Spiels auf alte Gefährten, sofern diese das vorherige Abenteuer überlebt haben.

Erzähltechnisch legt Baldurs Gate II: Schatten von Amn noch einmal eine große Schippe oben drauf und liefert ein Abenteuer, dass im Verlauf der Handlung ein episches Ausmaß annimmt. Darüber hinaus interagieren Begleiter nun viel häufiger und in recht tiefgehenden Gesprächen wird um die eigene Meinung gebeten. Auch sind jetzt Romanzen zwischen dem eigenen Charakter und bestimmten Begleitern möglich. Die Charaktere erhalten hier nochmal eine ganze Menge mehr Tiefgang, die sich in manchen anderen Rollenspielen vermissen lässt!
Ebenso wie mit den Begleitern ergeht es in Baldurs Gate II mit dem Bösewicht; dieser hat wesentlich mehr Tiefe und wirkt einfach runder, als es noch im ersten Teil der Fall war.

Rein von der Stundenzahl liefert Baldurs Gate II bereits ohne Erweiterung wesentlich mehr, als dies in Baldurs Gate I noch der Fall war.

Die Portierung der Baldurs Gate Reihe auf die Nintendo Switch habe ich kritisch beäugt. Bisher hatte ich keine guten Erfahrungen gemacht mit Rollenspielen auf der Switch und war auch nicht von der mobilen Version begeistert. Sicherlich würde es von der Performance her keinerlei Probleme machen, doch wie soll ein Spiel, welches derartig auf Maus und Tastatur Steuerung aufgelegt ist von Beamdog umgesetzt werden? Und ich wurde letztendlich sehr positiv überrascht. Es hat einen kurzen Moment gebraucht, die Steuerung zu verstehen, aber danach war es wirklich einfach. Mithilfe der ZR-Taste können die diversen Menüs wie Weltkarte, Inventar und Charakterbogen ausgewählt werden, während die ZL-Taste ein Kreismenü öffnet, mit dem die Charaktere einzeln der komplett ausgewählt werden können. Auch können hier einzelne Gruppen festgelegt werden, welche eine entsprechende Auswahl der einzelnen Personen ermöglicht. Auch die Gruppen-KI kann hier aktiviert oder deaktiviert werden.

Ausgewählte Gruppenmitglieder können über den linken Stick bewegt werden und lassen sich problemlos durch die Umgebung steuern. Mit dem rechten Stick lässt sich die Kamera frei durch die Umgebung schieben, womit man die vorhandene Umgebung durchsuchen kann. Mit der X-Taste wird die Aktionsleiste angewählt, um den aktiven Charakter eine Aktion zuzuweisen. Mit L und R kann durch die Charaktere hin und her gewechselt werden, sodass jedem eine Aktion zugewiesen wird.
Insgesamt funktioniert diese Herangehensweise an die Steuerung so gut, dass ich nach kurzer Eingewöhnung keinerlei Probleme hatte! Wer zudem den Nintendo Switch Pro Controller nutzt, hat hier noch weniger Probleme. Damit hat Beamdog es tatsächlich geschafft die größte Hürde der Portierung mit absoluter Glanzleistung zu  bewältigen!

Grafisch ist natürlich bei Spielen diesen alters nicht mehr allzuviel rauszuholen. Doch auf der Nintendo Switch funktioniert die Umsetzung perfekt. Die schöneren Farb- und Lichteffekte sind bei den Zaubern besonders ins Auge gestochen. Doch Baldurs Gate glänzt nicht wegen seiner Grafik, sondern wegen der Geschichte und für diese benötigt es ein flüssiges Spielerlebnis mit guter Steuerung. Sowohl im Handheld als auch im TV-Modus hatte ich zu keinem Zeitpunkt auch nur geringste Probleme. Auch die Ladezeiten fallen nicht lange aus und lassen den Spielfluss kaum Abbruch. Einzig die Zwischensequenzen bringen durch die höher aufgelösten Texturen das Problem mit, dass die Figuren zum Teil nur schwer erkennbar sind. Außerdem war das Spiel im Testzeitraum nur in englischer Sprache verfügbar, was mittlerweile nicht mehr der Fall ist. Somit kann Baldurs Gate auch jetzt auf der Switch problemlos in deutsch genossen werden.

Baldur’s Gate + Baldur’s Gate II: Enhanced Edition – Test | Review
7.5
Grafik
7
Sound
9
Steuerung
8
Spiele Spaß
7
Preis Leistung
Gesamtwertung 7.7 / 10
Unser Fazit
Man braucht nicht drumherum reden: Baldurs Gate ist alt. Das Spiel ist über 20 Jahre alt und dennoch scheint die Begeisterung nicht abzubrechen. Mit Baldurs Gate erhält man verdammt gute Rollenspielkost. Grafisch ist das Beste aus dem Spiel herausgeholt, was möglich ist. Dies wirkt sich erst im TV-Modus etwas negativ aus. Doch meine größte Skepsis galt von Beginn an der Steuerung. Und hier bin ich absolut begeistert wie gut Beamdog diese umgesetzt hat. Insgesamt erhält man hier ein solides Stück Arbeit mit einer schön umgesetzten Steuerung.
Michael Barkow
Michael Barkowhttps://www.twitch.tv/gutertag_streaming
1989 erblickte ich das Licht dieser Welt - und bereits 1998 entdeckte ich das Zocken; damals noch mit Command & Conquer: Alarmstufe Rot von 1996. Seitdem bekommt mich die Gamingwelt nicht mehr los. 2005 begann dann für mich die Reise in World of Warcraft und die MMO-Szene hatte mich begeistert. Seitdem habe ich vieles gesehen und erlebt und hüpfe immer mal wieder von einem zum anderen MMO, da ich es nie ganz sein lassen kann. Mit meiner 2015 geborenen Tochter habe ich aber etwas gefunden, dass noch mehr Interesse und Begeisterung weckt. Da das Leben mit Familie tagsüber fesselt, habe ich das Streamen und Zocken am Abend für mich entdeckt. Somit bekommt das Zocken weiterhin seinen Platz in meinem Alltag.

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