Tragbare Exoskelette haben den Sprung aus medizinischen Laboren und Industriehallen auf den Konsumentenmarkt endgültig geschafft. Wenn man die aktuelle Generation von Wearable Robotics betrachtet, geht es längst nicht mehr nur darum, ob ein System überhaupt genug Motorkraft besitzt, sondern wie und wann diese Kraft übertragen wird. Wer ältere Modelle oder frühere Prototypen am Körper hatte, kennt das größte Problem bisheriger Exoskelette: Die Unterstützung kam meist einen Wimpernschlag zu früh oder zu spät. Man fühlte sich nicht wie ein erweiterter Mensch, sondern wie eine steife Marionette an unsichtbaren Fäden.
Mit dem Hypershell Ultra X S liegt mir das aktuelle Flaggschiff des Herstellers vor. Ich habe das Gerät über mehrere Wochen auf Herz und Nieren geprüft, nicht als passiver Bergwanderer, sondern mit einem klaren, eigenen Schwerpunkt: als hocheffektives Werkzeug für Ausdauer und gezielten Muskelaufbau. Gleichzeitig habe ich das Exoskelett im Assistenzmodus an seine Grenzen geführt und es mit älteren Menschen im Alltag getestet.
Hardware, Materialien und Ergonomie
Schon beim ersten Anlegen wird deutlich, dass Hypershell beim Ultra X S keine Kompromisse bei den Materialien eingegangen ist. Das Chassis besteht aus einer leichten Karbonfaser-Verbundstruktur, während stark beanspruchte mechanische Drehpunkte und Verbindungselemente aus einer Titanlegierung gefertigt sind. Das am Körper getragene Gewicht beläuft sich auf rund 2,5 Kilogramm. Durch die Anbringung direkt am Körperschwerpunkt im Beckenbereich verteilt sich die Masse hervorragend.
An den Hüftgelenken arbeiten zwei eigens entwickelte PMSM-Motoren (Permanentmagnet-Synchronmotoren). Zusammen entwickeln sie in Spitzenzeiten eine Leistung von bis zu 1000 Watt und erzeugen ein Drehmoment von 22 Newtonmetern. Betrieben wird das System von zwei entnehmbaren 72-Wh-Akkus.
Hinsichtlich der Verarbeitung und Zertifizierungen erfüllt die Hardware höchste Ansprüche:
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IP67-Schutzklasse: Das gesamte System ist absolut staubdicht und gegen zeitweiliges Untertauchen geschützt. Platzregen, tiefer Matsch oder schweißtreibende Workouts stellen kein Risiko dar.
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UN38.3-Transportsicherheit: Die verwendeten Lithium-Ionen-Akkus erfüllen die Prüfstandards für die Mitnahme im Handgepäck auf Flugreisen.
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CE- & FCC-Zertifizierungen: Garantieren elektromagnetische Verträglichkeit; Sportuhren, Handys oder Herzfrequenz-Brustgurte laufen störungsfrei.
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Biomimetische Notfall-Schaltung: Sollte es beim Training zu einem Sturz oder einer unkontrollierten Verdrehung des Beins kommen, entkoppelt das System die Motorik mechanisch innerhalb von Millisekunden.
Die Passform lässt sich über das Klett- und Schnallensystem innerhalb von zwei Minuten an unterschiedliche Körpergrößen anpassen. Die Polsterung am Beckengurt ist dick, atmungsaktiv und lässt sich leicht abnehmen, um sie nach schweißtreibenden Einheiten zu waschen. Ein kleiner Alltagsaspekt bleibt bauartbedingt: Durch die Karbonbügel an den Oberschenkeln können die vorderen Hosentaschen schwer zugänglich sein, weshalb Smartphone oder Schlüssel besser im Rucksack transportiert werden.

Software-Evolution: Warum sich der HyperIntuition-Algorithmus anders anfühlt
Der eigentliche Quantensprung des Ultra X S liegt nicht in den Carbonrohren oder den Motoren, sondern in der Steuerungssoftware namens HyperIntuition™. Frühere Exoskelette nutzten starre Regelsätze: Der Nutzer geht vorwärts, der Sensor erkennt eine Bewegung und der Motor drückt hinterher. Das funktionierte auf ebenen Strecken halbwegs, versagte jedoch sobald das Bewegungsmuster unregelmäßig wurde, etwa beim Zögern, bei schnellen Richtungswechseln oder beim Anhalten.
HyperIntuition ersetzt diese starren Regeln durch ein neuronales Netzwerk, das über ein internes Sensorarray mit 1000 Hertz Abtastrate gefüttert wird. Das System analysiert Bewegungen kontinuierlich und berechnet das Drehmoment in Echtzeit neu. Hypershell gibt die Reaktionszeit der Elektronik mit etwa 0,31 Sekunden an, bei einer Synchronisationsrate mit dem menschlichen Gang von über 97 Prozent.
In der Praxis macht sich das sofort bemerkbar. Wenn man gemütlich schlendert, um auf jemanden zu warten, schaltet der Motor blitzschnell ab. Nimmt man Fahrt auf, zieht die Unterstützung flüssig und proportional mit. Der Übergang zwischen eigener Muskelkraft und motorischer Hilfe verläuft so geschmeidig, dass das Ruckeln früherer Tage fast vollständig verschwunden ist.
Passform, Ergonomie und Tücken im Alltag
Die Ersteinrichtung des Hypershell Ultra X S erfolgt unkompliziert über die Smartphone-App. Die richtige Passform ist extrem entscheidend: Wer die Motoren nicht exakt auf Höhe der eigenen Hüftgelenke ausrichtet oder die Gurte zu fest zwingt, bekommt schnell Druckstellen. Hypershell hat die Polsterung am Beckengurt im Vergleich zu älteren Baureihen drastisch verbessert. Sie ist dick, atmungsaktiv und lässt sich per Klettverschluss leicht abnehmen, um sie nach schweißtreibenden Einheiten in der Waschmaschine zu reinigen.
Trotz der gelungenen Ergonomie bringt die Bauform ein paar systembedingte Einschränkungen mit sich, die man im Alltag beachten muss:
Die Carbon-Führungsschienen laufen direkt an den Außenseiten der Oberschenkel entlang. Das führt dazu, dass die vorderen Hosentaschen schlichtweg nahezu unbenutzbar werden. Ein Smartphone oder Schlüsselbund in der Hosentasche wird unangenehm an den Oberschenkel gepresst. Zudem kollidieren die Akkus am hinteren Beckengurt mit großen Trekkingrucksäcken, die über einen massiven Hüftgurt verfügen. Mit einem kleineren, höher sitzenden Tagesrucksack gibt es hingegen keine Probleme.
Die manuelle Steuerung erfolgt wahlweise über die App oder über eine einzelne Multifunktionstaste am rechten Hüftmotor. Das System aus kurzem und langem Tastenpressen ist gewöhnungsbedürftig. Es erfordert Disziplin, um nicht aus Versehens den falschen Modus zu wählen oder das Gerät mitten in der Tour komplett auszuschalten. Über die App hat man die Kontrolle wesentlich besser im Griff und kann Modi, Widerstandsstufen und Akkustände übersichtlich einsehen.

Das Gerät im Ausdauertraining: Gegendruck statt Anschub
Da mein eigener Fokus aktuell massiv auf Ausdauer und gezieltem Muskelaufbau liegt, nutze ich das Exoskelett völlig anders als der klassische Bergsteiger. Ich brauche auf ebener Strecke oder leichten Anstiegen niemanden, der mich schiebt. Genau hier kommt der geniale Fitness- und Widerstandsmodus des Ultra X S ins Spiel.
In diesem Modus kehren die Motoren ihre Funktion um. Sie unterstützen nicht mehr, sondern erzeugen einen kontinuierlichen, regelbaren biomechanischen Widerstand. Das Exoskelett wirkt wie eine elektrodynamische Bremse direkt an den Oberschenkeln.
Wenn ich eine Trainingseinheit im Freien absolviere, muss ich bei jedem einzelnen Schritt gegen diesen spürbaren Gegenwind anarbeiten. Das Ergebnis ist faszinierend: Mein Puls klettert bereits bei normaler Gehgeschwindigkeit mühelos in die gewünschte Zielzone für das Ausdauertraining (Zone 2 bis Zone 3). Der riesige Vorteil gegenüber einer schwer beladenen Gewichtsweste oder einem schweren Rucksack liegt in der Gelenkschonung. Die Wirbelsäule wird nicht axial gestaucht, weil kein zusätzliches Gewicht von oben drückt. Der Widerstand greift rein muskulär an den Oberschenkeln und am Gesäß an, während die Fußgelenke vor den harten Aufprallkräften schnellen Laufens verschont bleiben. Und wer noch weiter gehen will, kann eine Gewichtsweste noch obendrauf packen. Mein letzter schwerer Einkauf inkl. des Widerstandmodus hat sich jedenfalls fühlen lassen.
Das Workout-Highlight: Der Kniebeugen-Modus (Squat Mode)
Innerhalb der Fitness-Funktionen sticht ein Feature besonders hervor: die spezifische Kniebeugen-Einstellung. Ein herkömmliches Assistenzsystem würde dem Träger aus der tiefen Hocke nach oben helfen, um das Aufstehen zu erleichtern. Hypershell kehrt diese Logik im Squat Mode komplett um.
Wenn man in die Kniebeuge oder in den Ausfallschritt geht, verhält sich das Gerät auf dem Weg nach unten überraschend neutral. Es lässt den Körper tief und sauber einsinken, ohne die Bewegung zu sperren. Doch sobald man den tiefsten Punkt erreicht hat und die Aufwärtsbewegung einleitet, greift die Motorik massiv ein:
Der Motor baut einen spürbaren, kontinuierlichen Gegendruck auf. Man merkt vor allem beim letzten Part des Hochgehens deutlich, dass das Gerät einen zurückhält und die Bewegung spürbar erschwert. Es fühlt sich an, als würde ein starkes, unsichtbares Band den Knie daran hindern sich zu strecken oder als stünde man an einer Kabelzug-Maschine im Studio. Der Quadrizeps und der Gluteus Maximus werden bei jedem Zentimeter der Aufwärtsbewegung gefordert. Da der Gegendruck völlig linear verläuft, gibt es keine Lastspitzen im Kniegelenk. Das brennen der Oberschenkel kam schneller und intensiv.
Persönliche Assistenz-Erfahrungen und der „Hypermode“-Kick
Auch wenn mein persönlicher Fokus primär auf Widerstand und Cardio-Training liegt, habe ich die reine Assistenz-Funktion auf extrem steilen Abschnitten und gegen Ende langer Einheiten am eigenen Körper auf Herz und Nieren getestet. Der Wechsel vom schweißtreibenden Widerstandsmodus in den Assistenzmodus ist ein echter Aha-Moment: Wo die Oberschenkel eben noch gegen den motorisierten Gegenwind arbeiten mussten, fühlt es sich plötzlich an, als würde man auf eine unsichtbare Rolltreppe steigen. Die Beine werden bei jedem Schritt leicht und präzise angehoben, und steile Anstiege verliert man völlig als Hindernis aus den Augen. Man spürt die Entlastung nicht nur in den Quadrizeps, sondern merkt sofort, wie der Atem ruhig bleibt, während man Höhenmeter frisst.
Richtig brachial wird es allerdings, wenn man über die App oder den Hüftknopf den Hypermode aktiviert. In diesem Modus wirft das Exoskelett alle Zurückhaltung über Bord und stellt die vollen 1000 Watt Spitzenleistung bereit. Das Gefühl dabei ist schlichtweg wild: Sobald das System eine Bewegung registriert und man den Schritt ansetzt, drückt der Motor mit einem extrem direkten, fast schon aggressiven Schub nach vorne-oben. Es fühlt sich an, als hätte man einen eingebauten Raketenantrieb unter den Oberschenkeln. Man bewegt sich förmlich wie eine Marionette und ich kann mir vorstellen, dass es bei leichteren Menschen sogar noch stärker kommt. Es grenzt an ein leicht absurdes Gefühl der Überlegenheit gegenüber dem Terrain, allerdings fordert dieser Rausch seinen Preis. Im Hypermode zieht das System so viel Strom, dass man dem Akku praktisch beim Leerwerden zusehen kann, weshalb ich diesen Modus wirklich nur als kurzzeitigen „Turbo-Knopf“ für die steilsten Rampen nutze. Und der 100% Hypermode hat sogar noch einen Push, welcher circa 30 Sekunden hält, bevor man ihn wieder aktivieren muss. Das soll vermutlich vermeiden, dass der Akku über Bord geworfen wird, da dies nochmal mehr verbraucht.
Erstaunlich stark beim Laufen und Radfahren und die Realität beim Akku
Entgegen mancher Vorurteile gegenüber robotischen Gehhilfen schlägt sich das Hypershell Ultra X S beim Laufen und Radfahren erstaunlich gut.
Beim Laufen beweist der HyperIntuition-Algorithmus seine wahre Stärke. Sobald man von einem zügigen Gehen in den Laufschritt übergeht, zieht die Elektronik ohne merkliche Verzögerung mit. Das System hebt die Beine dynamisch an und unterstützt den Vortrieb genau in der Abdruckphase. Gerade bei Bergauf-Trails oder schnellen Intervallen stellt sich ein überraschend flüssiges Bewegungsgefühl ein, bei dem man ordentlich Tempo aufbauen kann, ohne dass die Beine vorzeitig ermüden.
Auch beim Radfahren funktioniert das Exoskelett erstaunlich harmonisch. Schaltet man das Fahrrad in einen höheren Gang und tritt kräftig in die Pedale, schiebt der Motor an der Hüfte bei jeder Umdrehung spürbar mit. Die Kraftübertragung fühlt sich extrem dynamisch an und gibt dem Pedalieren auf Steigungen einen satten Extra-Schub. Die einzige kleine Erfordernis der Hardware liegt beim Aufsteigen: Durch die seitlichen Carbonbügel erfordert das Schwungbein über das Oberrohr ein klein wenig mehr Beweglichkeit.

Der Einsatz bei älteren Menschen: Praxistest im Assistenzmodus
Um die gegensätzliche Seite der Medaille zu testen, habe ich das Ultra X S von meinem Widerstandstraining umgestellt auf Unterstützung und es mit meiner Mutter getestet. Ältere Menschen kämpfen im Gelände oft mit nachlassender Oberschenkelkraft, Knieschmerzen bergab oder einer gewissen Unsicherheit auf unebenem Boden.
Sobald man das Gerät in den Assistenzmodus schaltet, macht der Hypershell das, wofür er eigentlich gedacht ist:
Beim Gehen bergauf oder beim Treppensteigen übernimmt der 1000-Watt-Motor einen Großteil der Anstrengung. Für meine Mutter fühlte sich die Unterstützung an wie ein sanfter, stetiger Schub von hinten. Der Druck auf die Kniescheiben verringerte sich drastisch, da die Muskeln beim Anheben des Beins kaum noch maximale Eigenlast tragen mussten. Neben der Kraftersparnis vermittelte die Führung durch die Carbonbügel ein hohes Gefühl von Stabilität. Wege und Steigungen, die sie wegen drohender Gelenkschmerzen gemieden hätte, waren plötzlich wieder problemlos machbar.
Interessant war der Effekt nach dem Ablegen des Geräts: Wenn man das Exoskelett nach einer einstündigen Tour im Assistenzmodus auszieht, fühlt sich das eigene Gehen für die ersten paar Schritte an, als würde man durch dicken Sirup laufen. Die eigenen Beine wirken plötzlich überraschend schwer. Das ist der beste Beweis dafür, wie viel Arbeit die Motoren dem Bewegungsapparat unbemerkt abgenommen haben.
Die Zielgruppen-Frage und die Bauart-Langlebigkeit
Betrachtet man die Werbung des Herstellers, sieht man meist durchtrainierte, junge Sportler, die über alpine Grate rennen. Hier liegt eine gewisse Ironie: Wer bereits fit genug ist, um im Dauerlauf über Bergkämme zu jagen, braucht auf flachen Strecken kaum ein 2,000-Euro-Exoskelett, es sei denn man will Orte erklimmen, die extrem viel Kraft kosten und/oder sehr steil sind. Durch die Unterstützung kann auch zusätzliches Tragegewicht genutzt werden.
Für das Marketing haben Bergsteiler mit den Hypershell ja nicht umsonst einmal den Mount Everest bestiegen.
Eine große Stärke des Hypershell Ultra X S liegt in zwei ganz anderen Gruppen: Einerseits bei sportlich aktiven Menschen, die das Gerät gezielt als gelenkschonendes Widerstandstrainingsgerät für Ausdauer und Kraft nutzen wollen. Andererseits bei der stark wachsenden Gruppe älterer Outdoor-Begeisterter, die sich durch die motorische Unterstützung ihre Mobilität und Schmerzfreiheit in anspruchsvollem Terrain zurückholen.
Nach mehreren Wochen harter Nutzung zeigt die Mechanik keinerlei Schwächen. Die Gelenke aus Titanlegierung laufen spielfrei, das Carbon weist keine Ermüdung auf, und die Elektronik hat dem Dauereinsatz bei Regen und Schweiß problemlos standgehalten.


