Es gibt Spiele, bei denen man nach fünf Minuten weiß, woran man ist. Und dann gibt es Hell Let Loose: Vietnam. Da weiß man nach fünf Minuten vor allem eines: Irgendwo da vorne ist jemand, der mich gerade erschossen hat. Wer das war? Keine Ahnung. Wo er war? Noch weniger Ahnung. Und ob ich überhaupt in die richtige Richtung gelaufen bin? Sagen wir es mal so: Die Wahrscheinlichkeit ist überschaubar.
Willkommen in der grünen Hölle. Willkommen in Vietnam.
Nach dem Zweiten Weltkrieg verschlägt es Hell Let Loose diesmal in den Dschungel Südostasiens. Keine Normandie, keine deutschen Panzer und keine hübschen Hecken, hinter denen man sich minutenlang gegenseitig belauert. Stattdessen gibt es Reisfelder, dichtes Unterholz, Flüsse, Tunnel, Hubschrauber und vor allem: Grün. Sehr viel Grün. So viel Grün, dass man irgendwann darüber nachdenkt, ob man für das Spiel wirklich einen Monitor mit mehr als 1080p gebraucht hätte.
Und genau das macht Vietnam gleichzeitig so interessant, aber auch so anstrengend. Denn Hell Let Loose: Vietnam schafft es erstaunlich gut, dieses unangenehme Gefühl zu erzeugen, tatsächlich mitten in einem völlig unübersichtlichen Dschungelkrieg zu stecken. Das hier ist kein Call of Duty, bei dem man drei Sekunden nach dem Respawn schon wieder 14 Gegner, zwei Drohnen und einen freundlichen Mitspieler mit Raketenwerfer vor der Nase hat.
Wenn es schlecht läuft, rennt man hier erst einmal zehn Minuten durch den Dschungel, hört irgendwo einen Schuss, bleibt stehen und schaut nach links. Nichts. Rechts? Auch nichts. Vorne? Ebenfalls nichts. Und dann ist man tot. Das klingt frustrierend. Ist es auch. Aber irgendwie gehört genau das dazu.

Kommunikation statt Rambo
Hell Let Loose will kein Shooter sein, bei dem Reflexe, schnelle Moves und der überraschende Sprung über die Mauer den Krieg entscheiden. Hier geht es um Kommunikation, Positionierung und darum, dass jemand in deinem Squad tatsächlich ein Mikrofon besitzt und dieses sogar benutzt. Ein Konzept, das in Multiplayer-Spielen inzwischen fast schon revolutionär wirkt.
Die großen Schlachten laufen weiterhin mit bis zu 100 Spielern ab, aufgeteilt auf verschiedene Squads und Rollen. Und gerade in Vietnam merkt man ziemlich schnell, warum diese Rollen nicht einfach nur dazu da sind, das Auswahlmenü etwas voller aussehen zu lassen.
Eine ganz besondere Rolle kommt dem Squad Leader und dem Commander zu. Und hier entscheidet sich ziemlich schnell, ob aus zehn Spielern tatsächlich eine Einheit wird oder ob einfach zehn Menschen gemeinsam im Wald verloren gegangen sind. Der Squad Leader setzt Spawnpunkte, koordiniert seine Leute und hält den Kontakt zum Commander. Der Commander wiederum hat den großen Überblick, kümmert sich um Ressourcen und kann Unterstützungsaktionen anfordern.

Das klingt jetzt vielleicht nach Büroarbeit mit Schusswaffen. Ist es aber nicht. Wenn der Commander einen Plan hat und der Squad Leader diesen auch halbwegs vernünftig umsetzt, kann sich eine Runde komplett anders anfühlen. Dann rückt man nicht einfach blind irgendwohin vor, sondern weiß zumindest ungefähr, warum man gerade durch dieses gottverdammte Unterholz kriecht.
Voraussetzung ist natürlich, dass hier jemand mit Erfahrung und Kartenkenntnis eingesetzt wird. Sonst ist die Schlacht ziemlich schnell zum Scheitern verurteilt. Außer auf der Gegenseite ist jemand mit noch weniger Know-how am Werk.
Und dann funktioniert das Spiel plötzlich richtig gut.
Jede Klasse hat ihren Job
Die normalen Squads setzen sich aus Soldaten verschiedener Klassen zusammen: Gewehrschütze, Grenadier, MG-Schütze, Sanitäter, Engineer, Support und Specialist. Dabei hat auch der Squad Leader eine wichtige Aufgabe. Er ist das Sprachrohr zum Commander und muss gleichzeitig versuchen, seine wilde Meute für koordinierte Aktionen zusammenzuhalten.
Die Spezialsquads haben, wie der Name schon vermuten lässt, spezielle Aufgaben. Dazu gehören unter anderem Helikopter-Piloten und Gunner, Aufklärung oder der Einsatz von Mörsern.
Der springende Punkt ist: Jeder sollte seinen Platz auf dem Schlachtfeld kennen und seinen Job so gut wie möglich erledigen. So kann beispielsweise der Sanitäter als wichtige Unterstützung gefallene Kameraden wieder auf die Beine helfen, während der Pilot in erster Linie dafür sorgen sollte, dass der Hubschrauber überhaupt dort ankommt, wo er gebraucht wird.
Darum würde ich jedem empfehlen, die einzelnen Tutorials zu spielen, damit man zumindest weiß, was der Job der jeweiligen Klasse ist. Natürlich geht auch „Learning by Doing“. Das könnte allerdings zu Frust bei den eigenen Mitspielern führen, wenn da wieder ein Sanitäter in vorderster Front in generisches Sperrfeuer rennt. Die Anzahl bestimmter Klassen ist schließlich begrenzt. Und wenn gerade niemand den Job richtig macht, merkt man das ziemlich schnell.
Auf in die grüne Hölle
Man robbt durch dichtes Gras, während irgendwo über einem ein Hubschrauber vorbeidonnert. Über Funk kommen hektische Positionsangaben. Ein Squad Leader brüllt, dass sich irgendwo im Wald Gegner befinden. Keiner sieht irgendwas.
Dann schlägt plötzlich MG-Feuer durch die Vegetation, jemand wirft Rauch, ein anderer ruft nach einem Medic und fünf Sekunden später ist aus einer gemütlichen Wanderung durch den Dschungel ein ausgewachsener Krieg geworden. Diese Momente sind die eigentliche Stärke des Spiels.
Auch die beiden Seiten spielen sich nicht identisch. Die amerikanischen Truppen bringen mit ihrer Ausrüstung, ihrer Feuerkraft und vor allem den Hubschraubern ganz andere Möglichkeiten mit. Die Gegenseite setzt stärker auf Tarnung, das Gelände, Überraschungsangriffe und Tunnel. Das macht einen ziemlich großen Unterschied.

Als Amerikaner kann man Truppen schnell verlegen und einen Angriff deutlich aggressiver aufziehen. Auf der anderen Seite sitzt vielleicht gerade jemand im Dreck und wartet. Und wartet. Und wartet noch ein bisschen. Bis die Amerikaner endlich genau da sind, wo sie sein sollen. Dann geht das Licht aus.
Das ist eine angenehme Abwechslung zu Shootern, bei denen beide Teams im Grunde dasselbe machen und sich nur die Uniformen unterscheiden. Hier muss man sich tatsächlich ein wenig darauf einstellen, gegen wen man kämpft.
Und wenn der Gegner das Gelände besser kennt als man selbst, wird aus einem vermeintlich sicheren Vormarsch ziemlich schnell eine Lehrstunde in Sachen Demut. Dann hilft auch die beste Ausrüstung nichts.
Der Dschungel sieht verdammt gut aus
Und dann kommt die Technik und sagt: „Moment, ich kann das noch ein bisschen komplizierter machen.“
Denn Hell Let Loose: Vietnam sieht stellenweise wirklich beeindruckend aus. Vor allem der Dschungel ist atmosphärisch. Die dichte Vegetation, das Wasser, die großen Sichtweiten und die Beleuchtung sorgen für eine Umgebung, die deutlich moderner wirkt als das, was man vom Vorgänger gewohnt ist.
Nur muss man sich daran gewöhnen, dass diese ganze Pracht eben auch ihre Tücken hat. Denn Sichtbarkeit ist in Vietnam ohnehin so eine Sache.
Da steht man also im Dschungel und denkt sich: „Wow, sieht das gut aus.“ Zwei Meter weiter sitzt ein Gegner. Man sieht ihn nicht. Der Gegner sieht dich. PENG.
Und genau deshalb ist die Wahl der Klasse hier nicht nur eine Frage der persönlichen Lieblingswaffe. Wer mit dem Rifleman unterwegs ist, spielt anders als der Machine Gunner. Ein Assault kann aggressiver vorgehen, während der Support-Spieler besser darauf achtet, in Reichweite seiner Kameraden zu bleiben. Der Medic wiederum ist am wertvollsten, wenn er nicht versucht, Rambo zu spielen.
Das klingt eigentlich selbstverständlich. Ist es offenbar nicht immer.

Hell Let Loose: Vietnam belohnt Spieler, die ihre Klasse tatsächlich spielen. Und zwar nicht nur dann, wenn gerade jemand zuschaut. Eine Erkenntnis, die für manche Multiplayer-Spieler ungefähr so überraschend sein dürfte wie die Tatsache, dass Wasser nass ist.
Waffen, Sound und Napalm
Auch die Waffen sind angenehm kompromisslos. Wer getroffen wird, fällt. Es gibt keine Lebensbalken, die sich nach zehn Sekunden hinter einem Busch wieder auffüllen. Kein „Ich habe gerade 14 Kugeln gefressen, aber zum Glück ist meine Rüstung noch bei 37 Prozent“. Ein paar Treffer reichen. Feierabend.
Das sorgt für eine ganz andere Art von Spannung. Man bewegt sich automatisch vorsichtiger. Man bleibt öfter stehen. Man hört genauer hin. Und plötzlich ist eine Strecke von 50 Metern interessanter als in anderen Shootern eine komplette Runde.
Dazu kommt der Sound. Wenn das Spiel akustisch richtig aufdreht, macht Vietnam verdammt viel richtig. Explosionen, MG-Feuer, Hubschrauber und der Funkverkehr erzeugen eine dichte Atmosphäre, die gerade in großen Gefechten hervorragend funktioniert.
Und wenn irgendwo Napalm runterkommt, ist das auch nicht einfach irgendein bunter Effekt, der nach drei Sekunden wieder verschwunden ist. Da brennt plötzlich ein ziemlich großer Teil der Karte und man überlegt sich sehr genau, ob der Weg, den man gerade nehmen wollte, wirklich so eine gute Idee war.
Meistens war er es nicht.
Tunnel und Hubschrauber
Und dann wären da noch die Tunnel. Die passen hervorragend zum Szenario und sorgen dafür, dass sich der Kampf nicht ausschließlich oberirdisch abspielt. Gleichzeitig entsteht dadurch eine interessante Asymmetrie zwischen den Fraktionen.
Die amerikanische Seite bringt ihre technologische Überlegenheit und Hubschrauber mit, während die Gegenseite auf Gelände, Tarnung und Tunnel setzt. Das macht die Gefechte wesentlich interessanter als einfach nur „WWII, aber mit anderen Gewehren“.
Gerade die Hubschrauber verändern das Spielgefühl deutlich. Sie sind nicht einfach nur ein hübsches Fortbewegungsmittel, sondern ein wichtiger Bestandteil der taktischen Möglichkeiten. Truppen können schneller verlegt werden, Angriffe lassen sich anders planen und plötzlich ist eine Position, die eben noch ziemlich sicher wirkte, überhaupt nicht mehr so sicher.
Natürlich setzt das voraus, dass der Pilot weiß, was er tut. Wenn nicht, lernt man sehr schnell, dass ein Hubschrauber auch eine ziemlich große und teure Art sein kann, seine gesamte Mannschaft an einem Ort zu versammeln… Zum Sterben. Aber gut, passiert öfter…
Geduld ist eine Tugend
Wer Hell Let Loose: Vietnam spielt, muss sich ohnehin darauf einstellen, dass das Spiel regelmäßig Dinge von einem verlangt, die moderne Shooter offenbar verlernt haben. Geduld. Kommunikation. Und die Fähigkeit, zehn Minuten lang nichts zu sehen, ohne sofort die eigene Grafikkarte zu beschuldigen.
Denn hier kann man zehn Minuten laufen, zwei Minuten kämpfen und anschließend 40 Sekunden tot auf dem Boden liegen. Das ist kein Bug. Das ist das Spiel. Genau da trennt sich die Zielgruppe ziemlich deutlich. Wer einen Shooter sucht, bei dem nach jedem Kill eine kleine Belohnungsanimation erscheint und man innerhalb von drei Minuten mehr Punkte sammelt als ein mittelständisches Unternehmen Umsatz macht, wird Hell Let Loose: Vietnam vermutlich nicht besonders lange spielen.
Hier kann man sich mit seinem Squad durch den Dschungel arbeiten, eine Stellung aufbauen, einen Angriff vorbereiten und dann von einer Kugel erwischt werden, die irgendwo aus Richtung „keine Ahnung“ kam. Das klingt frustrierend. Ist es auch. Aber gleichzeitig sorgt genau das für diese Geschichten, wegen denen man am nächsten Abend wieder startet. Denn irgendwann erwischt man eben nicht nur die falsche Seite des Maschinengewehrs. Irgendwann klappt es. Der Angriff sitzt. Der Gegner wird überrascht. Der Medic kommt tatsächlich rechtzeitig. Der Commander setzt die Unterstützung genau im richtigen Moment ein und der Hubschrauber bringt Verstärkung dahin, wo sie gebraucht wird.
Und dann fühlt sich das Ganze für einen Moment verdammt gut an.

Jede Runde ist anders
Das ist auch der Grund, warum man Hell Let Loose: Vietnam nicht unbedingt nach einer einzelnen Runde beurteilen sollte. Dafür ist das Spielerlebnis zu stark davon abhängig, mit wem man gerade unterwegs ist.
Eine Runde kann sich wie organisierter Krieg anfühlen, die nächste wie ein Betriebsausflug mit Waffen. Dann verbringt man die nächste Runde damit, 800 Meter durch den Dschungel zu laufen, wird von irgendwoher erschossen und darf wieder loslaufen. Man könnte sagen, das Spiel simuliert den Vietnamkrieg ziemlich überzeugend. Man könnte aber auch sagen, die Entwickler haben einfach vergessen, ein Fast-Travel-System einzubauen.
Was am Ende bleibt, ist deshalb ein ziemlich widersprüchliches Spiel.
Einerseits kann Vietnam fantastisch sein. Wenn ein Squad funktioniert, der Commander seinen Job macht, die Kommunikation läuft und das Schlachtfeld plötzlich in Chaos versinkt, fragt man sich, warum eigentlich nicht jeder Multiplayer-Shooter so funktioniert. Andererseits braucht es dafür eben auch Spieler, die mitmachen. Das ist genau die große Wette von Hell Let Loose: Vietnam.
Das Spiel ist nur so gut wie die Leute, mit denen man gerade spielt.
Wenn der Squad Leader vernünftig kommuniziert, der Support seine Aufgabe macht, der Medic nicht auf Killjagd geht und der Commander tatsächlich einen Plan hat, entsteht ein unglaublich intensives Gefecht. Wenn nicht, läuft man eben mit neun anderen Leuten durch den Dschungel. In neun verschiedene Richtungen. Ohne Plan. Ohne Munition. Und selbstverständlich ohne zu wissen, wo eigentlich der Gegner ist.
Aber genau das ist Hell Let Loose: Vietnam.
Ein Spiel, das einem regelmäßig auf die Nerven geht, einen manchmal komplett ratlos zurücklässt und trotzdem genau deshalb immer wieder dieses eine Gefecht produziert, über das man später noch erzählt.
Und wenn dann plötzlich der Funk brüllt, ein Hubschrauber über die Baumwipfel donnert, links und rechts Kugeln einschlagen und der Squad Leader nur noch „VORWÄRTS!“ schreit, dann ist da dieser Moment. Für ein paar Minuten funktioniert alles. Und dann ist man tot.
Hell Let Loose: Vietnam ist definitiv kein Shooter für jeden. Wer eigentlich nur in eine Runde springen, ein paar Gegner umnieten und nach zehn Minuten die nächste Runde starten möchte, dürfte hier relativ schnell die Geduld verlieren. Wer dagegen taktische Gefechte, Kommunikation und Teamplay mag, bekommt genau das. Hier reicht es eben nicht, mit einem MG wie Rambo durch den Dschungel zu laufen. Wer seine Klasse versteht, mit seinem Squad kommuniziert und tatsächlich auf den Commander oder Squad Leader hört, erlebt teilweise richtig intensive Gefechte. Auch technisch kann sich Vietnam sehen lassen. Gerade der Dschungel wirkt durch die dichte Vegetation, das Wasser, die Beleuchtung und die Effekte erstaunlich atmosphärisch. Selbst auf leistungsschwächeren Geräten wie der Xbox Series S macht das Spiel stellenweise ordentlich was her, besonders wenn beispielsweise Feuer vom Himmel regnet. Natürlich gibt es Frustmomente. Teilweise sogar ziemlich viele. Man läuft minutenlang durch den Dschungel, hört einen Schuss, sieht absolut nichts und liegt eine Sekunde später tot im Gras.
Aber genau diese Momente gehören irgendwie dazu.
Crossplay… Alle zusammen!!
Das Game unterstützt zusätzlich noch Crossplay für alle Plattformen und wirft Konsoleros der Playstation 5 und der Xbox Series zusammen mit PC Spielern in die Schlacht… Und nein, Hell Let Loose: Vietnam bietet keine Unterstützung für Maus und Tastatur an der Konsole, aber der (wie immer umstrittene) Aim assist ist für Controller Spieler mit dabei, lässt sich aber in den Optionen einstellen.


